Der Darm ist unser wichtigstes Immunorgan. Er beherbergt fast 80 Prozent aller Immunzellen und in ihm leben rund 100 Billionen Darmbakterien. Die Gesamtheit aller Bakterien im Darm wird in der Forschung als das Mikrobiom bezeichnet[1]. Das Mikrobiom und alle weiteren Mikroorganismen im Darm bilden die Darmflora.
Den Darmbakterien kommt nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen eine entscheidende Bedeutung für unsere Gesundheit zu. Internationale Forscher gehen von folgender Annahme aus: Gerät das Mikrobiom im Darm einmal aus dem Gleichgewicht, können daraus zahlreiche Beschwerden resultieren, die nicht nur den Darm betreffen. – oder: "…aus dem Gleichgewicht; kann das zu einem allgemeinen Unwohlsein führen, das sich nicht ausschließlich auf den Darm beschränkt."

Was sind Darmbakterien?

Der Forschungsbereich ist noch relativ jung und gewann erst zu Beginn der 2000er Jahre an Bedeutung. So konnten von den zahlreichen Darmbakterien-Arten bislang nur rund 1000 identifiziert werden. Im Darm, vor allem im Dickdarm eines Menschen, sind jeweils etwa 160 davon angesiedelt[2].
Bei jedem Menschen gestaltet sich diese Zusammensetzung der Bakterien anders. Daher ist das Darmmikrobiom so individuell wie der menschliche Fingerabdruck. Vier Bakterienstämme dominieren allerdings, das heißt sie sind in jedem menschlichen Darm in größeren Mengen vorhanden.
Dabei handelt es sich um folgende Spezies:
●    Bacteroidetes
●    Firmicutes
●    Actinobacteria 
●    Proteobacteria[3]

Welche Aufgaben haben Darmbakterien im menschlichen Körper?

Darmbakterien sind uns als emsige Verdauungshelfer schon lange bekannt. Sie sorgen dafür, dass der menschliche Körper mit lebenswichtigen Nährstoffen versorgt wird. Damit das gelingen kann, produzieren Darmbakterien Enzyme. Diese Enzyme wiederum helfen dabei, aus ansonsten unverdaulichen Nahrungsbestandteilen Vitamine, Fettsäuren und Aminosäuren zu extrahieren.
Darüber hinaus werden den Darmbakterien auch andere wichtige Aufgaben und Funktionen im menschlichen Organismus zugeschrieben. Welche das sind, stellt die nachfolgende Tabelle anschaulich dar:
 
Barriere gegen Viren und Bakterien 
Dieser Bereich ist wissenschaftlich noch nicht vollständig erforscht. Man geht allerdings davon aus, dass
●    Darmbakterien Lebensräume im Darm besetzten und es dadurch Viren und schlechten Bakterien unmöglich machen, sich ebenfalls dort anzusiedeln.
●    Darmbakterien die Bildung von Antikörpern fördern[4].
 
Trainer für das Immunsystem
Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand geht man davon aus, dass das Immunsystem des Darms dazu in der Lage ist, die guten von den schlechten Bakterien zu unterscheiden[5].
 
Kommunikation mit dem Gehirn
Eine weitere Wissenschaftliche These beruht auf der Annahme, dass Darmbakterien auch unsere Wahrnehmung, unser Gefühlsleben und unser Verhalten beeinflussen können[6].

Wie beeinflussen Darmbakterien das Mikrobiom im Darm?

Das Mikrobiom im Darm kann seinen Aufgaben und Funktionen im Körper nur dann nachkommen, wenn sich die richtigen Bakterien im Darm ansiedeln. Welche Bakterien sich letztendlich ansiedeln, hängt von vielen Faktoren ab. Die Grundlage wird noch vor der Geburt bereits im Mutterleib gelegt. In diesem frühen Stadium gehen Teile des mütterlichen Mikrobioms auf das Ungeborene über[7]. Direkt nach der Geburt entwickelt das Kind sein individuelles Mikrobiom. Bei Kindern im Alter von drei Jahren ist dieser Prozess üblicherweise abgeschlossen[8].
Je nachdem, welche Bakterien sich im Darm ansiedeln, sprechen wir von einer gesunden oder einer aus dem Gleichgewicht geratenen Darmflora. Bei einer gesunden Darmflora besteht das Mikrobiom hauptsächlich aus nützlichen Bakterien. Durch verschiedene äußere Einflüsse kann die Darmflora aber relativ schnell aus dem Gleichgewicht geraten. 


Zu diesen negativen äußeren Einflüssen zählen:
●    eine veränderte Ernährung
●    Stress
●    gastrointestinale Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts)
●    Medikamente, vor allem Antibiotika
●    Reisen

Gute und schlechte Darmbakterien: Was geschieht, wenn die Darmflora in ein Ungleichgewicht gerät?


Die oben genannten Faktoren können dazu führen, dass gute Bakterien im Darm zurückgedrängt werden und schlechte Bakterien überhandnehmen. Es entsteht eine sogenannte Dysbiose. Die Darmflora ist aus dem Gleichgewicht. Die meisten Betroffenen klagen dann über allgemeine Symptome wie:
●    Blähungen
●    Durchfall
●    wechselhafter Stuhlgang
●    diffuse Bauchschmerzen
Darüber hinaus wird in zahlreichen aktuellen Studien ein Ungleichgewicht oder eine Veränderung der Darmbakterien im menschlichen Körper mit der Entstehung verschiedenster körperlicher Beschwerden in Zusammenhang gebracht  [9].

18 Darmbakterien im Überblick


Zu den bislang erforschten und identifizierten Darmbakterien-Arten zählen unter anderem:
●    Lactobacillus reuteri
●    Lactobacillus acidophilus
●    Lactobacillus rhamnosus
●    Streptococcus thermophilus
●    Lactobacillus casei
Auf diese fünf Bakterien-Spezies werden wir im nachfolgenden Text noch etwas detaillierter eingehen.
    
    

Lactobacillus reuteri

Der Lactobacillus reuteri zählt zu den Probiotika. Wir können ihn täglich über unsere Nahrung aufnehmen. Er ist in Käse, Salami, Sauerkraut, Gurken oder roter Bete vorhanden. Es handelt sich dabei um ein stäbchenförmiges Bakterium aus der Gattung der Milchsäurebakterien. 

Lactobacillus acidophilus

Der Lactobacillus acidophilus ist einer von den Guten – also eine gute Darmbakterie. Sie vergärt im Darm unter anderem Laktose zu Milchsäure. Dabei wird neben Milchsäure auch Ethanol, Wasserstoffperoxid und Essigsäure gebildet. Die drei letztgenannten sorgen für ein Milieu, in dem sich schlechte Bakterien nicht wohl fühlen.
Neben ihrem Vorkommen im Darm kommt die Bakterie Lactobacillus acidophilus auch in der Medizin an zahlreichen Stellen zum Einsatz. Einige Studien weisen darauf hin, dass der Lactobacillus acidophilus vor allem  bei Beschwerden, die durch die Einnahme von Antibiotika ausgelöst wurden, hilfreich sein kann[11].

Lactobacillus rhamnosus

Auch beim Lactobacillus rhamnosus handelt es sich um ein gutes Darmbakterium, das zu der Gruppe der Probiotika zählt. Unter dem Mikroskop zeigt es sich ebenfalls als Stäbchen, das zumeist in Ketten auftritt. Lactobacillus rhamnosus wurde zwar als eine unter vielen Bakterien im Darm nachgewiesen, in der Forschung ist man sich aber noch nicht ganz einig darüber, ob er zu den Bakterien zählt, die dauerhaft im Darm verweilen oder doch nur temporär nachzuweisen sind.
Einzelne Studien haben bereits gezeigt, dass Lactobacillus rhamnosus bei der Behandlung verschiedener Erkrankungen wie Diarrhoe (Durchfall) vor allem bei Kindern, Infektionen der Atemwege bei Kindern, Harnwegsinfekten und dem Reizdarmsyndrom hilfreich sein kann. Allerdings ist bei einer probiotischen Therapie zu beachten, dass Lactobacillus rhamnosus bei kleinen Kindern sowie bei einem geschwächten Immunsystem eine Sepsis hervorrufen kann[12].

Streptococcus thermophilus

Streptococcus-Arten zählen in der Regel nicht zu den Darmbakterien, denen eine gesundheitsfördernde Eigenschaft zugesprochen wird. Etwas anders gestaltet sich die Lage beim Streptococcus thermophilus. Das probiotische Milchsäurebakterium ist durchaus als gesundheitsfördernd bekannt. Es wird zudem häufig als Starterkultur bei der Herstellung von Joghurt und anderen (auch veganen) fermentierten Produkten verwendet.
Diverse In-vitro-Studien haben außerdem gezeigt, dass Streptococcus thermophilus eine antimikrobielle Eigenschaft besitzt, ähnlich wie das Bakterium Lactobacillus acidophilus, aber vergleichsweise noch etwas stärker[13].

Lactobacillus casei

Lactobacillus casei Bakterien sind nicht nur im Darm, sondern auch im Mund des Menschen nachweisbar. Auch sie werden in der Industrie häufig bei der Produktion von Milchprodukten eingesetzt. Einige Unterstämme des Lactobacillus casei werden in der Medizin verwendet.[14]

Neben diesen fünf Bakterienstämmen zählen auch die nachfolgenden 13 Spezies zu den bereits bekannten und relativ gut erforschten Darmbakterien:
●    Lactococcus lactis
●    Bifidobacterium lactis
●    Lactobacillus salivarius
●    Lactobacillus delbrueckii subsp. bulgaricus
●    Bifidobacterium breve
●    Lactobacillus gasseri
●    Lactobacillus fermentum
●    Bifidobacterium longum
●    Bifidobacterium infantis
●    Lactobacillus brevis
●    Lactobacillus paracasei
●    Lactobacillus plantarum
●    Bifidobacterium bifidum

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[1] PTA Forum online: Mikrobiom. Superorgan Darm. ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php;
[2] Qin et al. 2010, Nature. 2010 Mar 4;464(7285):59-65. doi: 10.1038/nature08821
[3] Qin et al. 2010, Nature. 2010 Mar 4;464(7285):59-65. doi: 10.1038/nature08821
[4] Hartmann, Lieselotte: Beratungskompetenz Magen und Darm in der Apotheke, Springer Heidelberg 2012, S. 22 und 76.
[5] www.praxiszentrum-leipzig.de/innere-medizin/darmflora-mikrobiom/
[6] Malinova TS, Dijkstra CD, de Vries HE. Serotonin: A mediator of the gut-brain axis in multiple sclerosis. Mult Scler. 2017 Nov 1:1352458517739975. doi: 10.1177/1352458517739975
[7] PTA Forum online: Mikrobiom. Superorgan Darm. ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php;
[8] Khaschei, Kirsten: Magen und Darm. Beschwerden heilen, lindern, vermeiden. Berlin, Stiftung Warentest 2013, S. 20.
[9] Cani PD Human gut microbiome: hopes, threats and promises Gut Published Online First: 22 June 2018. doi: 10.1136/gutjnl-2018-316723
[10] www.spektrum.de/news/was-darmbakterien-wirklich-koennen/1435188
[11] Probiotics for prevention and treatment of diarrhea. www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21992955
[12] Network meta-analysis of probiotics to prevent respiratory infections in children and adolescents. www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28052594
[13] nwzg.de/probiotika-praktische-anwendung/
[14] In vitro antagonistic activity of Lactobacillus casei against Helicobacter pylori. www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26691482
[15] D`Souza, A. L. et al.: Probiotics in prevention of antibiotic associated diarrhoea: meta-analysis. BMJ 2002;324:1361
[16] Dietary Alteration of the Gut Microbiome and Its Impact on Weight and Fat Mass: A Systematic Review and Meta-Analysis.
 


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